Textfetzen, Augenblicksprosa, Momentpoesie aus dem Labor des Wortkiosk, Biel/Bienne
Immortalité.

Der unsterbliche Traum von der Unsterblichkeit.

15/10/2017, Père Lachaise.

Ich habe so viele Dinge.

Kleine und große Dinge, leichte und schwere, bunte und schwarze, papierne und solche aus anderem Stoff. Dinge voller Schmerz und Dinge voller Schönheit. Nützliche Dinge, Dinge mit Verstand und Dinge mit Sehnsucht verwoben. Ich habe die Dinge nicht in der Hand, nicht auf dem Rücken, nicht alle zugleich. Sie umgeben mich und werden in der Gesamtheit zwar wieder zur Einzahl, aber diese Einzahl wiegt schwer. Ich schiebe die Gesamtheit hin und her; so weit meine Handhabung der Dinge, die eigentlich keine ist. Es ist umgekehrt: Die Dinge haben mich in der Hand, in vielen Händen, staubigen Händen. Ich finde Staub an den Wänden hinter den Dingen, in den Ecken und Rillen, die sie verdeckten. Ich sauge ihn weg und merke: Auch der Staubsauger, der nun voller Staub ist, gehört zu meinen Dingen.

Es sind zu viele Dinge, denke ich. Je mehr ich habe, desto weniger leicht bin ich, desto weniger bin ich überhaupt. Haben oder sein. Haben oder frei sein, unbeschwert sein. Die Dinge halten mich fest, sie ziehen mich zu Boden, wie es den Staub zu Boden zieht, aber ich bin schwerer, so schwer wie die Gesamtheit dieser Dinge. Je länger ich lebe, umso schwerer werde ich. Und je mehr Dinge es werden, umso weniger weiß ich, was es ist, das ich da habe. Beim Hin- und Herschieben entdecke ich vieles wieder. Würde ich es nicht entdecken, würde es mir nicht fehlen. Nun aber kann ich mich nicht davon trennen.

Erst wenn ich nicht mehr bin, werde ich nichts mehr haben. Kein einziges Ding, nicht einmal mich selbst. Am Ende bleibt wieder nur Staub. Staub, der nicht sein soll und den niemand haben will.

13/10/2017.

Die Frau im Aufzug

Sie starrt mich unverwandt an. Eine Frau, die nicht mehr jung ist, aber auch noch nicht alt. Müde sieht sie aus und ein wenig verloren. Ein wenig fehl am Platz, als sei sie versehentlich hier gelandet.

Wer ist sie? Warum schaut sie mich so an?

Ich habe den Aufzug betreten, ohne darauf zu achten, ob da schon jemand war. Nun ist sie auf jeden Fall da und fährt mit mir in die Tiefe. Ernst schaut sie mich durch eine übergroße Sonnenbrille an; schmal, bleich, die Haare durcheinander. Ihr Blick wirkt auffordernd und abweisend zugleich. Es scheint, als wolle sie jeden Moment etwas sagen, etwas fragen … Doch sie bleibt stumm.

Soll ich sie ansprechen? Oder ignorieren?

Ich blicke weg. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass auch sie den Blick abgewendet hat. Nun wirkt sie weniger abweisend als vielmehr abwesend, irgendwie geisterhaft. Ich versuche zu vergessen, dass es sie gibt. Vielleicht habe ich mir im schummrigen Licht der Kabine alles nur eingebildet: ihr Starren, ihre Verlorenheit, ihren stummen Appell. Und doch –

Was hat dieser Blick zu bedeuten?

Ich nehme mir vor, sie das nächste Mal anzusprechen. Vielleicht. Da erreicht der Aufzug das Erdgeschoss. Die Türen öffnen sich leise quietschend, und die Frau und ich, wir drehen uns beide um. Ich trete in den Flur hinaus, dann ans Tageslicht. Jeder Gedanke an Geister löst sich auf, als ich mich im Gewimmel der großen Stadt verliere.

06/10/2017.

Immer wieder Sonntag

Am Sonntagmorgen sind ältere Herren in den Straßen der großen Stadt unterwegs. Manche halten eine Baguette in der Hand, andere etwas, das von weitem aussieht wie eine Champagnerflasche, von nahem aber ein zusammengerollter Regenschirm ist.

01/10/2017.

Am Kanal, Sonnenschein, 27°.

Ich setze mich neben eine auf den Boden gesprayte 7, ziehe die Schuhe aus und lasse die Füße in den Kanal sinken. Etwas Unbestimmbares in mir zieht sich zusammen; vielleicht ist es meine Seele, vielleicht meine Blase. Ich widerstehe dem Reflex, bei der Berührung mit dem kühlen Wasser zurückzuschrecken und denke im nächsten Moment: So kühl ist es gar nicht. Es ist angenehm kühl, erfrischend kühl. Nun fließt es um meine Füße, so wie es um die Pflanzen fließt, die aus der flaschenbodengrünen Tiefe bis fast an die Wasseroberfläche wuchern. Auf den Inseln aus Gestrüpp, das von Schiffen ausgerissen wurde oder wer weiß woher kommt und nun auf dem Kanal herumtreibt, landen Libellen, um sich darauf vielleicht auszuruhen, vielleicht zu paaren, vielleicht Eier zu legen. Im Unterwasserwald selbst tummeln sich dünne kleine Fische, die sich beim Anblick meiner Zehen wohl einige Fragen stellen. Das sagt sich leicht dahin, wie sich so vieles leicht dahinsagt, und der Eindruck der Banalität, der dir eben noch fest und solide schien, beginnt dünn zu werden und zu schillern wie eine Seifenblase, die schließlich zerplatzt. Die 7 ist eine schöne Zahl, doch nun muss ich mich losreißen. Ich ziehe meine Füße, um die sich gerade eine dieser Wasserpflanzeninseln schlingen will, aus dem Wasser, ziehe die Schuhe an, erhebe mich und schreite zurück in jenes Leben, in dem ich nützlich bin, in dem ich Geld verdiene und es beim Kaffeetrinken wieder ausgebe.

22/08/2017.

Antipode, gestern.

Wasserplätschern am Holzbauch,
das Schiff schwankt kaum merklich.
Drei Wespen im Zickzack
und dann und wann ein Sonnenstrahl.
Mehr war da nicht.

17/08/2017.

Schnell einen-keinen

Kaffee an den Händen.
Kaffee auf dem Tisch.
Kaffee in der Tasche.
Kaffee auf dem Boden.
Kaffeetasse leer.

31/07/2017, im Schiffsbüro.

17.27 Uhr

Wolken auf dem Wasserspiegel
Ein gelbes Blatt
Eine Taubenfeder
Gekringeltes Gras
Eine halbe Erdnussschale
Eine Frauenstimme
Motorenbrummen von allen Seiten
Ein Flugzeug, das startet
Glucksen
Schritte
Eine aufgequollene Baguette

27/07/2017, am Kanal.

Es ist erschienen!

»Der Himmel ist grün. Roman einer Reise« ist ab sofort im Buchhandel oder direkt beim Lenos Verlag erhältlich.

21/06/2017.

Nichts zu sagen.

In meinen Knochen steckt die Schwere unausgeschlafener Nächte, und unausgesprochene Wörter versperren mir den Mund wie Steine, wie Stämme, Staumauern einer Wörterflut, Verbauungen einer Redelawine, die mir nicht über die Lippen kommt, nicht einmal über den Rachen hinaus. Ich will singen, ich will schreien, stammeln ohne Sinn, heulen wie ein Hund, schwallartiges Gelächter von mir schleudern, gackern oder meckern, bluppblupp. Doch nichts als Stille, Schweigen, stumm.

31/05/2017.

Head on

Irgendwo in meinem Kopf,
irgendo da drin bist du und alles,
was ich je von dir. Und wir,
wir gehen zu dieser
Und ich sage Yeah, yeah, yeah.

25/05/2017.

Die Stadt der Schönen

Sie ist voll von schönen Menschen. Je schöner sie sind, desto mehr werden sie geliebt. Sie werden geliebt, weil sie schön sind, für ihr Schönsein, wegen ihrer Schönheit. Was sie nicht auf sich nehmen, um schön zu sein, schön zu bleiben, noch schöner zu werden, am allerschönsten. Der Schönste der schönen Menschen erhält die große Liebe, die Liebe der ganzen Stadt. Dadurch wird er noch schöner, jetzt ist er unerreichbar schön.

19/05/2017.

Hinter dem Simplon

Das Wasser rollt den Kiesel über den Stein. Nein, der Wind stößt das Wasser, schiebt das Wasser, wälzt die Wassermassen namens Meer vor sich hin, über Steine, auf denen kleinere Steine liegen. So werden große Steine klein, und kleine werden noch kleiner. Sind eines Tages alle Steine zu Sand zerrieben? Sind eines Tages auch die Berge, alle Berge, auch die Murmelialpen, zu Sand zerrieben? Werden am Ende nur noch Strände bleiben, Strände und Meer?

Es gibt Steine auf der Erde, es gibt Steine auf dem Mond. Das All ist voller Steine, doch die Erde selbst ist kein Stein.

12/05/2017.

Danke.

Danke für den Tannenbart.
Danke für den Apfelkuchen.
Danke für die küssenden Schnecken.
Danke für das Dankesbuch.
Danke dem Gott des Goms.

08/05/2017.

Sonntagsspaziergang

Von Montag bis Freitag wird über die Gehsteige gerannt, durch die unterirdischen Gänge gehastet, von einer Straßenseite zur anderen geeilt – am Sonntag aber, da bummelt man gemächlich; man promeniert, spaziert und flaniert. Gehen ist nun eine wichtige Tätigkeit; nichts, das man so schnell, schnell erledigt. Im Gegenteil, man nimmt sich Zeit dafür. Das Gehen ist zur Ruhe selbst geworden. Bloß keine Hektik, easy.

Auch die Zeit selbst geht gelassen umher. Sie wird von den anderen Umhergehenden gegrüßt und grüßt selbst. Am Sonntag ist man freundlich, das hat man in der Sonntagsschule so gelernt. Am siebten Tag sollst du ruh’n, aber nur bis neun Uhr, dann musst du dich schön anziehen und zur Kirche gehen. Nach der Kirche gibt’s Sonntagsbraten mit Erbsli und Rüebli, danach geht’s gemütlich auf einen Sonntagsspaziergang.

Und brav spazieren alle, es heißt ja nicht Sonntagslauf. Es heißt aber auch nicht Sonntagsschlurfen oder Sonntagstrotten. Die Sonne scheint, und die Zeit scheint still zu stehen. Aber unaufhaltsam geht auch der Sonntag, immer brav langsam und sonntäglich gekleidet, dem Montag entgegen.

27/03/2017. Zehn Jahre Wortkiosk!

Ein Stein

Der Sonntag hat die Augen geschlossen und schnurrt. Das Schnurren schwillt an und ab, eine gleichmässige akustische Welle. Hinter den Fenstern scheint plötzlich die Sonne, aber das ignoriere ich ebenso, wie ich den Regen ignorierte, der seit Samstagmorgen fiel. Jetzt ist die Luft trocken und klar; zu klar für mich.

Ich denke an den Stein zurück und frage mich, was er bedeutet. Was hat das überhaupt alles zu bedeuten? Wo ist der Sinn? Geh und suche ihn unter dieser Lawine des Absurden, die ein winziger Stein ins Rollen gebracht hat.

Schon ist die Sonne weg, es regnet wieder. Horizontal. Ich muss an tausend Dinge denken, die ich nicht mag. Ich will den Stein vergessen und mich in schönen Träumen verlieren. Ich weiß, ich wollte etwas tun, doch ich weiß nicht mehr, was es war. Schreiben? Aber was? Wozu?

12/03/2017.

Mein neuer Freund Elena hat geschrieben.

Von: Elena
Gesendet: Montag, 27. Februar 2017, 07:37
Betreff: Kennen wir uns?

Hallo.
Ich hoffe, Sie sind gut. Wie ware es, mit mir incontrare? Ich hoffe, Ihre Antwort und positiv.
Elena meinen Namen. Das Land, in dem ich lebe, ist Novosibirsk genannt und seit drei Jahren habe ich ein. Ich traume davon, einen Mann zu treffen, schlie?lich machen mich glucklich. Ich werde glucklich sein, wenn Sie mir antworten, und auch Ihr Bild zu sehen. Ich bin sicher, wir werden es schaffen. Das Wichtigste ist, dass ich es nicht glauben.
Ich erwarte Ihre Antwort.
Ihr neuer Freund Elena.

27/02/2017.

Your connection has timed out.
Please try again later.

Als eine von vielen stehe ich am Rand der Gleise und warte auf die Bahn. Als eine von vielen trete ich ein und halte mich in dem Wagen fest, als er anfährt. An jeder Station steigen Leute aus und ein. Einige reisen zu zweit oder mehrt herum und sprechen miteinander. Die meisten schweigen, halten den Kopf gesenkt und blicken auf das kleine flache Ding, das leicht in ihrer linken Hand liegt. Mit der rechten streichen oder tippen sie darauf herum. Von den zehn Personen, die in meiner Nähe stehen oder sitzen, sind neun in das vertieft, was auf der kleinen Fläche passiert. So vertreiben sie sich die Zeit der Reise oder nutzen sie für etwas Wichtiges, Schönes.

Zwei Stationen nach mir ist eine junge Frau zugestiegen, sie hat sinnliche Lippen, knallrot geschminkt, und ist ganz in Schwarz gekleidet. Auch ihre Haare sind schwarz und lang und glatt. In ihren Ohrmuscheln stecken schwarze Knöpfe, und ihr rechter Fuß, um den ein kniehoher Stiefel geschnürt ist, wippt auf und nieder. Ihre Finger tanzen, ohne einen Moment stillzustehen, auf dem kleinen flachen Ding in ihrer Hand herum. Grazil sehen diese Finger aus; lang, schmal und ätherisch, wie ihre ganze Erscheinung. Ich stelle mir vor, mit ihr in ein Café zu gehen, in eines der Cafés am Fluss; wir würden nebeneinander sitzen und einvernehmlich schweigen, hin und wieder würden wir lachen, überhaupt wären wir sehr vergnügt. In der Wirklichkeit, die wir teilen, nimmt sie mich nicht wahr. Vielleicht teilen wir auch keine Wirklichkeit. Vielleicht sieht es nur so aus, als würden wir im selben Moment im selben Raum leben, und tatsächlich existieren wir zwar parallel, aber auf verschiedenen, voneinander gänzlich getrennten Welten.

Ich betrachte mich selbst im spiegelnden Glas der Wagentür. Kann es sein, dass man sich sieht, für andere aber unsichtbar ist? Ein Stoß von hinten, als der Wagen anhält und jemand mich zur Seite drängt, um hinauszugelangen, macht die Illusion zunichte. Ich existiere, physisch sichtbar, ob jemand mich ansieht oder nicht. Vielleicht werde auch ich heimlich beobachtet, so wie ich die Schwarzgekleidete mit den roten Lippen beobachtet habe. Ich blicke um mich, aber niemand scheint mich wahrzunehmen. Nicht die dicke Schwarze mit dem Säugling auf dem Rücken, nicht der Alte mit dem grünen Hut, nicht die drei sportlichen Jungs oder das Mädchen in dem kurzen Rock und auch nicht der gutaussehende Typ, der in meinem Alter sein mag und zu seinem lockeren dunklen Anzug modische Turnschuhe trägt.

Alles fängt an mit Augen, die sich ineinander spiegeln. Aber wir verpassen es, einander anzusehen. Wie festgeklebt, vielleicht hypnotisch, vielleicht magnetisch angezogen, lösen sich die fremden Augenpaare keinen Moment von der glänzenden Oberfläche. Die Köpfe bleiben gesenkt, die Münder geschlossen. Wir sind blind und stürzen voneinander losgelöst durch das kalte All, aus einem ungewissen Grund, einem unklaren Ziel entgegen. Vielleicht prallen wir einmal zufällig aneinander. Ansonsten bleiben wir bis auf Weiteres verbindungslos.

10/02/2017.

Die Wilden

Ihre Knie haben Falten
und ihr Mund ist süß und trocken.
Aber abends, da tanzen sie
mit ihren Flügeln
Richtung Osten.

09/02/2017.

Begegnung

Aufrappeln, sitzen bleiben, Kopf still halten. Der Spannteppich im Wohnzimmer, der in den letzten Tagen noch fleckiger geworden ist, umgibt mich wie eine Landkarte des Grauens. Wirst du gleich kotzen? Ja. Nein. Vielleicht. Ich krieche ins Bad. Klobecken auf Gesichtshöhe – ersparen wir uns die Details. Schlimme Minuten später fühle ich mich gut genug, um aufzustehen. In diesem Moment erblicke ich den Geist. Oder ist es ein Zombie? Sein Gesicht ist grau, sein einziges Auge ein trüber Teich, der Kiefer verkrampft, die Wangen höhlen sich. Was mich aus dem Spiegel anstarrt, sieht zum Fürchten aus. Bist du schon tot?

Aus Letzte Tage (Arbeitstitel).
27/01/2017.

Das Bett ist meine Zuflucht vor dem Leben.

Schatten von Liebesblut, Federmund, Zeit,
zaubert mein Bett voll Fische. Stunde dem
Nebel im Zimtbad entfluechtet, Vers du, so
lebend, zerfließend im Tau vom Betttuch.

Unica Zürn, Anagramm.
06/01/2017.

Zettel 2016

Zettel 2015

Zettel 2014

Zettel 2013

Zettel 2012

Zettel 2011

Zettel 2010

Zettel 2009

Zettel 2008

Zettel 2007

Zum Seitenanfang