Textfetzen, Augenblicksprosa, Momentpoesie aus dem Labor des Wortkiosk, Biel/Bienne
Diese Dinge da.

Weg mit den bösen Gänseblümchen.
Und wer hat die Katze überfahren?
Und liegen gelassen?

20/04/2018.

No. 5

In der großen Stadt spricht eine Stimme hinter mir.
»Sie sind bestimmt Musikerin!«
»Nein«, entgegne ich dem Mann, zu dem die Stimme gehört, und der jetzt neben mir geht.
Er strahlt mich an. »Ich war mir sicher, Sie würden Violine spielen«, sagt er.
»Ich wünschte es«, sage ich. »Doch ich spiele kein Instrument.«
»Wie schade! Wir könnten sonst zusammen musizieren. Darf ich Ihnen dafür etwas vorpfeifen?«, fragt er, und schon bringt er seine Zungenspitze hinter den Zähnen in Stellung und beginnt, während wir nebeneinander durch eine mittelalterliche Gasse gehen, eine bekannte Melodie zu pfeifen.
Ich bleibe stehen, und er stellt sich neben mich hin und pfeift und pfeift, während seine Augen lachen, und jetzt lache auch ich, und er pfeift noch ein Lied.
Soll ich klatschen, ihm Geld geben, wie lange pfeift er noch, oder ist dies ein Geschenk des Lebens?
»Danke«, sage ich. »Sie pfeifen sehr schön.«
»Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben. Es freut mich, dass Sie jetzt lachen, Sie haben traurig ausgesehen vorhin. Tja, es ist nicht einfach, das Leben nach vierzig …«
»Sie haben Recht«, sage ich. Dann fällt mir nichts mehr zu sagen ein. Es passiert mir zum ersten Mal, dass jemand mich für älter hält, als ich bin, es ist zum Lachen. »Ich muss weiter«, sage ich schließlich. »Auf Wiedersehen.«
Wir bedanken uns beide noch einmal, dann biege ich ab, ohne zu wissen, wo ich bin und ob mich dieser Weg an mein vages Ziel führen wird. Nach ein paar Schritten bleibe ich stehen, um auf der gegenüberliegenden Seite den Namen der Straße zu lesen, an der ich mich befinde. Unter dem Straßenschild steht der pfeifende Mann. Er schaut zu mir herüber, lacht und winkt, dann kehrt er um und geht davon, und im nächsten Augenblick ist er hinter der Straßenecke verschwunden.

Aus In der großen Stadt, No. 5 (Arbeitstitel).

18/03/2018

Ohne Worte.

02/02/2018, für M.

Die Verzettelung

Sie hing mir in langen Bahnen aus dem Mund, so dass ich beim Gehen darüberstolperte, sie sich um meine Beine wickelte und ich zu Boden stürzte, noch ehe ich ein Wort gesprochen hatte.

29/01/2018.

Das Café Royal

Es war ein königlich schöner Sonntagnachmittag. Alle Gäste des Café Royal aßen Coupes. Ich verspürte Lust auf etwas Luftiges, Prickelndes und bestellte ein Glas Prosecco.
Während Schluck um Schluck über meine Zunge und durch meine Kehle floss, küsste der Frühling meine Haut, und ich stieg ich auf der Glücksleiter Tritt um Tritt höher.
Kurz bevor mein Glas leer war, stand der Kellner neben mir und füllte es auf. »Aufs Haus«, sagte er schüchtern, und dann noch einmal: »Aufs Haus.«
Ich fühlte mich wie anderswo. Ich fühlte mich wie irgendwo, und es war egal, wo ich war, ich wollte an keinem anderen Ort sein. Als ich mich erhob, war es schon Abend.
»Wir haben sonntags immer geöffnet«, sagte der Kellner.
Dieser Abschiedssatz gefiel mir. Trotzdem war ich seither nie mehr im Royal, weder an einem Sonntag noch an einem anderen Tag.

Aus Der Staub, die Hunde, das Wetter (Reste).

27/01/2018.

Alles unterirdisch.

Die Stimme spricht.
Osch, sagt sie. Und noch einmal: Osch.
Dann wieder rollen, schütteln.

23/01/2018.

Irren

Wie lautet die Antwort?
Auf welche Frage?

21/01/2018.

Januar

Zu viele gute Wünsche.
Zu viele abgesägte Tannen.
Zu viele Schokoladekugeln.
Zu viel Wind von Westen.
Zu viel Winter.
Zu viel Wein.
Zu viele Widersprüche.
Zu viele Kabel.
Zu viele Neuigkeiten.
Zu viel Bildschirm.
Zu viel zu tun.

Zu wenig Disziplin.
Zu wenig Geduld.
Zu wenig Fragen.
Zu wenig zu sagen.
Zu wenig Tinte.
Zu wenig Tanz.
Zu wenig Taten.
Zu wenig Drang.
Zu wenig Champagner.
Zu wenig Hirn.
Zu wenig Sinn.

Lieber mehr.
Lieber weniger.
Lieber anders.
Lieber besser.
Lieber später.
Lieber morgen.
Lieber nie.

10/01/2018.

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